Generation X vs junge Generation: Warum Selbstständigkeit in der Erziehung verloren geht

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Generation X vs junge Generation: Warum Selbstständigkeit in der Erziehung verloren geht

Ehrlich gesagt, ich verstehe die Panik nicht. Heute wird jedes Kind behandelt wie ein rohes Ei. Überall Polster, überall Kontrolle, überall Angst. Und dann wundern sich alle, warum so viele mit Mitte Zwanzig noch nicht checken, wie man eine Waschmaschine bedient oder eine Steuererklärung macht.

Generation X – also die Leute, die zwischen 1960 und 1980 geboren wurden – haben etwas gelernt, das heute systematisch abtrainiert wird: eigenständiges Denken. Nicht weil ihre Eltern bessere Pädagogen waren. Sondern weil sie schlichtweg nicht die Zeit hatten, jede Sekunde zu überwachen.

Das Auto als erstes Klassenzimmer

Stell dir vor: Du bist sechs Jahre alt. Dein Vater fährt durch die Stadt. Keine Kindersitze, keine Gurte, kein nerviges Piepen. Du sitzt vorne. Der Sitz klebt an deinen Beinen. Die Sonne knallt durchs Fenster. Dann klopft dein Vater auf seinen Schoß.

Du kletterst hoch. Deine kleinen Hände umfassen das riesige Lenkrad. Dein Vater bedient die Pedale. Du steuerst. Die weißen Linien verschwinden unter der Motorhaube. Du hältst die Spur. Jede einzelne.

Nach heutigen Maßstäben unverantwortlich. Damals war es etwas anderes: Vertrauen.

Du warst nicht nur ein Kind. Du warst jemand, dem man zutraute, die Welt zu halten. Dieses Gefühl – dieses innere Wissen, dass du etwas kannst – das prägt sich ein. Nicht durch Worte. Durch Erleben.

Heute würde das als Kindeswohlgefährdung durchgehen. Aber interessanterweise: Die Generation, die so aufgewachsen ist, hat die digitale Revolution gebaut, Unternehmen gegründet und die Welt verändert. Zufall? Kaum.

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Warten im Auto – die vergessene Lebensschule

Deine Mutter hält vor dem Laden. Sie sagt: „Bleib im Auto.“ Fünf Minuten, sagt sie. Es werden zwanzig. Du sitzt da. Beobachtest Menschen. Malst Muster an beschlagene Scheiben. Niemand trackt dich. Niemand schreibt. Niemand ruft an.

Heute ist Sicherheit ein grüner Punkt auf dem Handy. Eine App. Eine Push-Nachricht. Damals war Sicherheit ein Gefühl im Bauch. Du hast gelernt, allein zu sein ohne Angst. Du hast gelernt, dass nichts Schlimmes passiert, nur weil niemand zuschaut.

Diese Momente – die heute als vernachlässigend gelten würden – haben etwas Entscheidendes trainiert: Selbstregulation. Du musstest dich selbst beschäftigen. Deine eigenen Gedanken aushalten. Deine eigene Langeweile managen.

Was heute fehlt: Langeweile als Lehrmeister

Kinder heute kennen keine Langeweile mehr. Sobald auch nur drei Sekunden Stille entstehen, kommt das iPad. Das Handy. YouTube. TikTok. Die Dauerbeschallung ist nicht nur nervig – sie verhindert etwas Fundamentales:

  • Die Fähigkeit, mit sich selbst klarzukommen
  • Kreativität aus dem Nichts zu entwickeln
  • Eigene Lösungen zu finden statt zu konsumieren
  • Impulskontrolle zu trainieren

Generation X musste warten können. Im Auto. Beim Arzt. Vor dem Fernseher, wenn die Sendung erst um 19 Uhr kam. Diese erzwungene Geduld war anstrengend. Aber sie hat etwas aufgebaut: innere Stabilität.

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Die Nachbarschaft als Abenteuerspielplatz

Mit diesem inneren Kompass wurde die Nachbarschaft dein Reich. Wälder, Brachen, Baustellen. Heute gelten sie als gefährlich. Damals waren sie Trainingsplätze fürs Leben.

Morgens raus. Abends wieder da. Dazwischen: Niemandsland. Du hast Baumhäuser gebaut, die zusammengebrochen sind. Du hast dich verlaufen und den Weg zurückgefunden. Du hast dich gestritten, geprügelt, wieder vertragen – alles ohne Mediator.

Dort hast du gebaut, gescheitert, neu angefangen. Ohne Anleitung. Ohne Bewertung.

Diese Erfahrungen sind heute fast ausgestorben. Nicht weil Kinder schwächer wären. Sondern weil Eltern Angst haben. Angst vor Unfällen. Angst vor Fremden. Angst vor Kritik anderer Eltern.

Das Paradox der Helikopter-Eltern

Übrigens: Die Welt ist statistisch sicherer geworden. Weniger Verkehrsunfälle. Weniger Kriminalität. Weniger echte Gefahren. Trotzdem ist die Angst explodiert. Warum?

Weil Sicherheit heute nicht mehr erlebt wird – sie wird verwaltet. Eltern managen Risiken wie Projektmanager. Jeder Spielplatz wird gescannt. Jeder Kontakt überprüft. Jede Aktivität bewertet.

Das Ergebnis? Kinder, die mit zwanzig Jahren nicht allein zum Amt gehen können. Die bei jedem Problem sofort Mama anrufen. Die bei der ersten Krise zusammenbrechen, weil sie nie gelernt haben zu fallen.

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Warum viele Jüngere nicht mehr auf die Beine kommen

Generation X hat nicht mehr Freiheit gehabt. Sie hat mehr Verantwortung getragen. Genau das fehlt heute. Und genau deshalb kommen viele nicht mehr auf die Beine.

Wenn du als Kind nie selbst entscheiden musstest, wann du nach Hause kommst – wie sollst du dann mit 25 entscheiden, welchen Job du annimmst? Wenn du nie erleben musstest, dass eine blöde Entscheidung blöde Konsequenzen hat – wie sollst du dann Risiken einschätzen?

Die drei verlorenen Fähigkeiten

  1. Problemlösung ohne Google: Früher musstest du selbst rausfinden, wie der Weg funktioniert. Wie man einen Reifen flickt. Wie man Feuer macht. Trial and Error war das Prinzip. Heute ist die erste Reaktion: „Ich google das mal.“
  2. Konflikte ohne Schiedsrichter: Streit auf dem Schulhof? Wurde geklärt. Unter Kindern. Ohne Eltern. Ohne Lehrer. Oft unfair, oft hart – aber du hast gelernt, dich durchzusetzen oder nachzugeben. Heute wird jeder Konflikt von Erwachsenen „moderiert“.
  3. Scheitern ohne Trauma: Vom Baum gefallen? Blöd gelaufen. Aufstehen, weitermachen. Heute wird aus jedem Sturz ein Drama gemacht. Jedes Scheitern wird therapiert. Dadurch wird Scheitern zu etwas Schlimmem – statt zu etwas Normalem.

Was Norbert Peter wirklich meint

Norbert Peter – und viele andere aus der Generation X – sehen das nicht aus Nostalgie so. Sie sehen es aus Erfahrung. Sie haben erlebt, wie Selbstständigkeit entsteht: durch Freiraum und Verantwortung.

Die Kinder werden heute nicht automatisch unselbstständig, weil sie schlechter wären. Sondern weil die Eltern alles übernehmen. Das ist zwar gut gemeint. Aber es ist der falsche Weg. So werden keine Macher großgezogen.

Wer nie Verantwortung trägt, lernt keine innere Stabilität.

Das klingt hart. Aber es ist wahr. Jedes Mal, wenn Eltern eingreifen, wo das Kind selbst handeln könnte, wird eine Lektion verhindert. Jedes Mal, wenn ein Problem von außen gelöst wird, verpasst das Kind die Chance zu wachsen.

Die Angst vor dem Scheitern

Interessanterweise ist die größte Angst vieler junger Menschen heute nicht der Tod oder Krankheit – es ist Versagen. Weil sie es nie gelernt haben. Weil jedes Scheitern verhindert wurde.

Generation X ist mit Scheitern aufgewachsen. Nicht im großen Drama-Stil. Sondern im Alltag. Du hast den Bus verpasst? Dein Problem. Du hast deine Hausaufgaben vergessen? Deine Konsequenz. Du hast dich verletzt beim Klettern? Nächstes Mal vorsichtiger.

Diese kleinen, überschaubaren Niederlagen haben etwas aufgebaut: Resilienz. Die Fähigkeit, einen Schlag einzustecken und weiterzumachen. Nicht weil du besonders stark wärst. Sondern weil du weißt: Es geht weiter.

Ist die alte Erziehung besser?

Moment. Bevor hier jemand denkt, ich romantisiere die Achtziger: Nein. Nicht alles war besser. Manche Kinder wurden wirklich vernachlässigt. Manche Freiheiten waren gefährlich. Manche Erziehungsmethoden waren schlicht beschissen.

Aber: Es gab ein Gleichgewicht. Zwischen Schutz und Freiraum. Zwischen Fürsorge und Eigenverantwortung. Dieses Gleichgewicht ist heute komplett verschoben.

Was wirklich verloren geht

Es geht nicht darum, Kinder wieder ungegurtet Auto fahren zu lassen. Es geht um das Prinzip dahinter: Vertrauen. Das Vertrauen, dass ein Kind Dinge kann. Dass es lernen darf. Dass es scheitern darf.

Heute wird jedes Risiko eliminiert. Jede Herausforderung abgefedert. Jeder Schmerz verhindert. Das Ergebnis sind junge Erwachsene, die bei der ersten echten Herausforderung nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

  • Sie haben nie gelernt, mit Unsicherheit umzugehen
  • Sie haben nie gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen
  • Sie haben nie gelernt, dass man auch mal durchhalten muss
  • Sie haben nie gelernt, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn etwas schiefgeht

Der Weg zurück zur Selbstständigkeit

Also, was tun? Zurück in die Achtziger? Natürlich nicht. Aber vielleicht ein paar Prinzipien wiederentdecken:

Langeweile zulassen. Kein Handy bei jeder Autofahrt. Keine Dauerbeschallung. Kinder müssen lernen, mit sich selbst klarzukommen.

Konsequenzen erleben lassen. Hausaufgaben vergessen? Nicht nachbringen. Jacke verloren? Nicht sofort neue kaufen. Streit mit Freunden? Nicht sofort eingreifen.

Risiken dosiert zulassen. Auf Bäume klettern. Allein zur Schule gehen. Mit dem Rad durch die Stadt. Ja, es kann was passieren. Aber die Wahrscheinlichkeit ist verdammt gering – und die Lerneffekte sind riesig.

Vertrauen zeigen. Nicht durch Worte. Durch Taten. Indem man loslässt. Indem man dem Kind zutraut, Dinge selbst zu regeln.

Fazit: Selbstständigkeit ist kein Geschenk

Selbstständigkeit entsteht nicht durch gute Ratschläge. Nicht durch Erklärungen. Nicht durch Überwachung. Sie entsteht durch Erfahrung. Durch Verantwortung. Durch Scheitern und Aufstehen.

Generation X hatte diese Chancen. Nicht weil ihre Eltern pädagogische Genies waren. Sondern weil sie keine andere Wahl hatten. Sie mussten loslassen – aus praktischen Gründen.

Heute haben Eltern alle Möglichkeiten zur Kontrolle. Und sie nutzen sie. Bis zum Exzess. Das mag sich sicher anfühlen. Aber es produziert eine Generation, die bei der ersten echten Herausforderung nicht weiß, wie sie stehen soll.

Echtes Sicherheitsgefühl kommt nicht von außen. Es kommt von innen. Und es entsteht nur durch Erfahrung.

Die Frage ist nicht, ob die alte Zeit besser war. Die Frage ist: Was können wir von ihr lernen? Und die Antwort ist simpel: Loslassen. Vertrauen. Raum geben. Scheitern erlauben.

Nur so entstehen Menschen, die auf eigenen Beinen stehen. Die nicht bei jedem Problem zusammenbrechen. Die wissen, dass sie es schaffen – weil sie es schon tausendmal geschafft haben.

Vielleicht sollten wir aufhören, Kinder zu beschützen. Und anfangen, sie stark zu machen.

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